Die Bedeutung von Religion für die globale extreme Rechte

Ein per­sön­lich­er Nach­bericht der zweit­en Vor­sitzen­den Mona Stumpe über die Tagung „Reli­gion and the Glob­al Far Right“ an der Uni­ver­sität Tübin­gen (29. bis 31. Juli 2026)

Wie greifen (extrem) rechte Bewe­gun­gen auf Reli­gion zurück – und wann ist Reli­gion dabei mehr als poli­tis­che Insze­nierung? Drei Tage lang disku­tierten Forschende aus unter­schiedlichen Län­dern und Fachrich­tun­gen in Tübin­gen über religiöse Net­zw­erke, Anti-Gen­der-Kam­pag­nen, eso­ter­ische Welt­bilder und apoka­lyp­tis­che Krisen­erzäh­lun­gen. Für mich wurde dabei vor allem eines deut­lich: Reli­gion kann zum Bindemit­tel wer­den, das unter­schiedliche Strö­mungen der glob­alen extremen Recht­en miteinan­der verbindet. Wie diese Verbindun­gen genau funk­tion­ieren, lässt sich jedoch nur mit Blick auf die jew­eili­gen Akteur*innen, poli­tis­chen Ziele und gesellschaftlichen Kon­texte ver­ste­hen.

Warum ich nach Tübin­gen gefahren bin

Mir geht es ver­mut­lich wie vie­len: der spür­bare gesellschaftliche Recht­sruck macht mir große Sor­gen und erzeugt bei mir ein Gefühl der Rat- und Macht­losigkeit. Ich möchte bess­er ver­ste­hen, wie man das Erstarken der inter­na­tionalen Recht­en erk­lären kann. Abge­se­hen von meinem eige­nen per­sön­lichen Inter­esse an der The­matik wurde REMID aber auch ganz offiziell von den Veranstalter*innen ange­fragt, über die Tagung zu bericht­en. Da sich REMID der reli­gion­swis­senschaftlichen Wis­senschaft­skom­mu­nika­tion verpflichtet hat und wir der Mei­n­ung sind, dass die The­matik eine beson­dere gesellschaftliche Rel­e­vanz besitzt, habe ich direkt zuge­sagt, auch einen kleinen Nach­bericht zu schreiben. So kön­nen auch andere Men­schen, die selb­st nicht an der Tagung teil­nehmen kon­nten, einen Ein­blick in die Fragestel­lun­gen und Diskus­sio­nen der Kon­ferenz erhal­ten.

Los geht’s

Meine Reise begann dann uner­wartet früh: Um sechs Uhr mor­gens set­zte ich mich in Han­nover in den Zug und erre­ichte gegen Mit­tag Tübin­gen bei stetig steigen­den Tem­per­a­turen. Ger­ade noch rechtzeit­ig zum Auf­takt kam ich am Ver­anstal­tung­sort an, der angesichts der angekündigten Hitze erfreulicher­weise bere­its großzügig mit Ven­ti­la­toren aus­ges­tat­tet war.

Im Laufe der Tagung stiegen die Tem­per­a­turen dann weit­er auf bis auf unglaubliche 38 °C, die allerd­ings wed­er mich noch die anderen Teil­nehmenden daran hin­derten, in den fol­gen­den drei Tagen die Pan­els zu besuchen, zahlre­iche Gespräche zu führen und Ein­drücke in Noti­zen und Fotos festzuhal­ten.

Frisch angekom­men im schö­nen Tübin­gen bei traumhaftem Wet­ter 🙂

Worum es bei der Tagung ging

Die inter­na­tionale Kon­ferenz „Reli­gion and the Glob­al Far Right“ fand vom 29. bis 31. Juli 2026 am Psy­chol­o­gis­chen Insti­tut der Uni­ver­sität Tübin­gen in Koop­er­a­tion mit der Uni­ver­sität Göt­tin­gen und der EZW (Evan­ge­lis­che Zen­tral­stelle für Weltan­schau­ungs­fra­gen) statt. Im Mit­telpunkt stand die Frage, wie Reli­gion und extrem rechte Ide­olo­gien weltweit miteinan­der ver­flocht­en sind. [Redak­tioneller Hin­weis Der englis­che Begriff „Far Right“ und die deutsche Beze­ich­nung „extreme Rechte“ wer­den im Fol­gen­den syn­onym ver­wen­det.]

Aus­gangspunkt der Tagung war die Beobach­tung, dass Reli­gion für die extreme Rechte eine zen­trale Rolle spielt, diese Verbindung aber lange nicht aus­re­ichend unter­sucht wurde. Die Beiträge beschäftigten sich deshalb nicht nur mit der poli­tis­chen Aneig­nung religiös­er Sym­bole und Begrif­flichkeit­en. Sie fragten auch danach, wie extrem rechte Akteur*innen religiöse Glaub­würdigkeit beanspruchen und Vorstel­lun­gen von Geschichte, Gesellschaft und poli­tis­ch­er Zuge­hörigkeit prä­gen. Einen ersten Zugang zu diesem kom­plex­en Feld bot die öffentliche Keynote zur Entwick­lung der religiösen Recht­en in den USA. Dabei wurde deut­lich, dass die soge­nan­nte Reli­gious Right kein ein­heitlich­er Block ist.

Christlich-nation­al­is­tis­che Posi­tio­nen find­en sich unter anderem in bap­tis­tis­chen Kirchen und pfin­gstkirch­lichen Bewe­gun­gen, aber auch im amerikanis­chen Katholizis­mus wieder.

Beson­ders inner­halb der MAGA-Bewe­gung tre­f­fen unter­schiedlich­ste religiöse und poli­tis­che Strö­mungen aufeinan­der: ein­flussre­iche Akteure aus der Tech­nolo­giebranche, Postlib­erale, christliche Rekon­struk­tion­is­ten, Tra­di­tion­al­is­ten und Eso­terik­er, neua­pos­tolis­che Bewe­gun­gen sowie weiße Evan­ge­likale und South­ern Bap­tists.

Dieser bunte Mix mag auf den ersten Blick nur sehr schw­er als poli­tis­che Ein­heit ver­standen wer­den.

Jour­nal­istin und Autorin Anni­ka Brockschmidt eröffnete mit ihrer Keynote zu der aktuellen Lage in den USA

Zwar unter­schei­den sich diese Grup­pen teil­weise erhe­blich in ihren religiösen Überzeu­gun­gen, poli­tis­chen Zie­len und Vorstel­lun­gen von gesellschaftlich­er Ord­nung; den­noch kön­nen sie durch gemein­same Wertvorstel­lun­gen, Feind­bilder und Krisen­erzäh­lun­gen miteinan­der ver­bun­den wer­den. Bere­its die Keynote führte damit zu ein­er zen­tralen Frage der gesamten Tagung: Was ermöglicht es so unter­schiedlichen Akteur*innen, trotz ihrer Dif­feren­zen gemein­same poli­tis­che Pro­jek­te zu ver­fol­gen – und welche Rolle spielt Reli­gion dabei? Die anschließen­den Pan­els zeigten aus unter­schiedlichen geografis­chen und the­ma­tis­chen Per­spek­tiv­en, wie vielfältig die Verbindun­gen zwis­chen Reli­gion und extremer Rechter aus­fall­en kön­nen:

Inter­na­tionale Net­zw­erke

Das erste Pan­el zeigte, wie stark sich die religiöse Rechte in den ver­gan­genen drei Jahrzehn­ten inter­na­tion­al ver­net­zt hat. Katholis­che, evan­ge­likale, ortho­doxe und pfin­gstkirch­liche Akteur*innen arbeit­en heute über Organ­i­sa­tio­nen, Kon­feren­zen, Parteien, Think­tanks und finanzielle Förder­struk­turen hin­weg zusam­men. Dabei wer­den Begriffe wie „Fam­i­lien­werte“, „Reli­gions­frei­heit“ oder „Kinder­schutz“ über Län­der­gren­zen hin­weg instru­men­tal­isiert und an die jew­eili­gen nationalen poli­tis­chen Kon­texte angepasst.

Aus der Präsen­ta­tion von Gionathan Lo Mas­co­lo, Her­aus­ge­ber des Sam­mel­bands „The Chris­t­ian Right in Europe“ und Grün­der von „Faith in Democ­ra­cy“, ein­er Organ­i­sa­tion, die sich gegen Nation­al­is­mus und die glob­ale religiöse Rechte ein­set­zt

So entste­ht ein dauer­haftes Net­zw­erk aus religiösen Insti­tu­tio­nen, poli­tis­chen Bewe­gun­gen, Lob­by­or­gan­i­sa­tio­nen und Geldge­bern. Seine Wirkung beruht nicht (nur) auf direk­ter Parteipoli­tik, son­dern auch darauf, langfristig gesellschaftliche Deu­tun­gen und Wertvorstel­lun­gen zu prä­gen – ein Prinzip, das von ein­schlägi­gen poli­tis­chen Akteur*innen als „Metapoli­tik“ ver­standen wird. Das Pan­el machte zugle­ich deut­lich, dass dabei auch schein­bar wider­sprüch­liche Posi­tio­nen – etwa Anti­semitismus und Unter­stützung für den Zion­is­mus in oft ambiva­len­ter Beziehung zueinan­der­ste­hen kön­nen.

Inwiefern ist der Begriff „Far Right“ hil­fre­ich?

Das zweite Pan­el weit­ete den Blick über extrem rechte Bewe­gun­gen wie MAGA oder europäis­che Nationalist*innen hin­aus. Auch in grundle­gend unter­schiedlichen religiösen und poli­tis­chen Kon­tex­ten wie beispiel­sweise in inter­na­tionalen Bewe­gun­gen wie Falun Gong aus Chi­na, der japanis­chen Gruppe Hap­py Sci­ence oder auch in der indis­chen Hin­dut­va-Bewe­gung zeigten sich ähn­liche Muster: Islam­feindlichkeit, Anti­semitismus, ras­sis­tis­che Vorstel­lun­gen eth­nisch-religiös­er Zuge­hörigkeit sowie die Ablehnung von „Wok­e­ness“, Gle­ich­stel­lung und gesellschaftlich­er Vielfalt.

Zugle­ich stellte das Pan­el eine grundle­gende Frage zur Begrif­flichkeit: Was genau beze­ich­nen wir eigentlich als Far Right? Der Begriff kann genutzt wer­den, um Gemein­samkeit­en sicht­bar machen, dro­ht aber auch, sehr unter­schiedliche Bewe­gun­gen, Motive und poli­tis­che Allianzen zu vere­in­heitlichen. Entschei­dend ist deshalb, nicht nur ein Etikett zu vergeben, son­dern genau zu unter­suchen, unter welchen Bedin­gun­gen solche Verbindun­gen entste­hen und welche Funk­tion Reli­gion dabei übern­immt.

Wenn „Gen­der“ zum gemein­samen Feind­bild wird

Das dritte Pan­el zeigte, wie Anti-Gen­deris­mus religiöse und extrem rechte Akteur*innen verbinden kann. Beson­ders Trans­feindlichkeit, Homo­pho­bie und die Ablehnung von „Wok­e­ness“ dienen als gemein­same Bezugspunk­te. Begriffe wie „Gen­deride­olo­gie“ stellen lib­erale gesellschaftliche Verän­derun­gen als Bedro­hung für Kinder, Fam­i­lie und eine ver­meintlich natür­liche moralis­che Ord­nung dar.

Über soziale Medi­en wer­den solche Erzäh­lun­gen durch Pro­voka­tion, Skan­dal­isierung und bewusste Zus­pitzung ver­bre­it­et und das immer erfol­gre­ich­er in den let­zten Jahren. Anti-Gen­deris­mus wirkt so als poli­tisch-religiös­es Bindemit­tel, das Allianzen ermöglicht und aus­gren­zende Posi­tio­nen gesellschaftlich anschlussfähig machen kann.

Warum Anti­mod­ernismus selb­st mod­ern ist

Das Pan­el zum Anti­mod­ernismus machte deut­lich, dass die Ablehnung der Mod­erne (weit ver­bre­it­et in extrem recht­en Bewe­gun­gen) selb­st ein mod­ernes Kon­strukt ist. Beson­ders ein­flussre­ich in dem Bere­ich ist bis heute der ital­ienis­che Eso­terik­er und recht­sex­treme Denker Julius Evola. Seine Vorstel­lung ein­er zeit­losen, ursprünglichen Tra­di­tion set­zte er aus sehr unter­schiedlichen religiösen und ide­ol­o­gis­chen Ele­menten zusam­men, darunter eso­ter­ische und neuhei­d­nis­che Motive sowie Anlei­hen aus Hin­duis­mus und Bud­dhis­mus. Sein 1934 erschienenes Buch Revolte gegen die Mod­erne” wird bis heute sowohl in extrem recht­en Milieus als auch in Teilen alter­na­tiv­er Spir­i­tu­al­ität rezip­iert.

Aus dem Vor­trag von Mitor­gan­isator Prof. Dr. Julian Strube, Georg-August-Uni­ver­sität Göt­tin­gen

Das Ver­hält­nis von Eso­terik und extremer Rechter ist keineswegs nur ein Rand­phänomen und reicht inzwis­chen bis in ein­flussre­iche poli­tis­che und metapoli­tis­che Net­zw­erke hinein. Eso­ter­ische Ansätze kön­nen dabei auch mit christlichem und hin­duis­tis­chem Nation­al­is­mus, Neuhei­den­tum oder auch islamistis­chen Strö­mungen ver­bun­den wer­den.

Erzäh­lun­gen über ver­lorene Zivil­i­sa­tio­nen, ver­bor­gene Ursprünge und ide­al­isierte ver­gan­gene Wel­ten dienen zudem als Gege­nen­twürfe zu ein­er Gegen­wart, die als dekadent, mate­ri­al­is­tisch und ori­en­tierungs­los wahrgenom­men wird.

Die Mod­erne wird dabei nicht voll­ständig abgelehnt, son­dern selek­tiv: Dig­i­tale Medi­en und soziale Net­zw­erke, die Pro­duk­te der Mod­erne sind, ver­bre­it­en anti­mod­erne Ideen beson­ders effek­tiv. Memes, Sym­bole und die dazuge­höri­gen Ver­schwörungserzäh­lun­gen machen sie anschlussfähig an die Pop­ulärkul­tur.

Wenn die Gegen­wart als let­zter Kampf erscheint

Apoka­lyp­tis­che Vorstel­lun­gen spie­len in den Diskursen der glob­alen extremen Recht­en eine wichtige Rolle. Dabei existiert jedoch keineswegs nur eine Form des Endzeitgedankens: Religiöse und säku­lare Unter­gangserzäh­lun­gen kön­nen dur­chaus nebeneinan­der­ste­hen oder miteinan­der ver­bun­den wer­den. Häu­fig wird in diesen Vorstel­lun­gen die Gegen­wart als Moment voll­ständi­ger Auflö­sung und exis­ten­zieller Bedro­hung erk­lärt. Erlö­sung wird dabei jedoch nicht in ein­er neuen Zukun­ft gesucht, son­dern in der Wieder­her­stel­lung ein­er ide­al­isierten, ver­meintlich homo­ge­nen Ver­gan­gen­heit (die so aber nie wirk­lich existiert hat).

Diese Erzählweise erzeugt eine gewisse Dringlichkeit und wirkt dadurch stark mobil­isierend, sie benen­nt Feind­bilder und stellt poli­tis­che Entschei­dun­gen als unauswe­ich­lich dar, was genutzt wer­den kann, um radikales Han­deln zu legit­imieren. Sprecher*innen und Anhänger*innen kön­nen sich dabei als „Kat­e­chon“ ver­ste­hen – als eine Art let­zte Kraft, die den endgülti­gen Zusam­men­bruch noch aufhält. Dieses ursprünglich bib­lis­che Motiv wurde unter anderem von poli­tis­chen Denkern wie Carl Schmitt neu inter­pretiert und wird bis heute auch von Akteuren der extremen Recht­en wie Alexan­der Dug­in aufge­grif­f­en. Ob dieser Zusam­men­bruch aber wirk­lich aufge­hal­ten wer­den sollte (oder über­haupt aufge­hal­ten wer­den kann), ist inner­halb der Far Right abso­lut nicht ein­heitlich definiert.

Gegenüber­stel­lung von Alexan­der Dug­in und Peter Thiel, aus dem Vor­trag von Anton Sche­chow­zow

Wenn Reli­gion bes­timmt, wer dazuge­hört

Das let­zte Pan­el rück­te die Frage in den Mit­telpunkt, wie religiöse und nationale Iden­titäten ver­schmelzen und poli­tis­che Aus­gren­zung legit­imieren kön­nen. His­torische Beispiele aus evan­ge­likalen Milieus zeigten, dass Verbindun­gen zu faschis­tis­chen und radikal-nation­al­is­tis­chen Vorstel­lun­gen nicht nur ein gegen­wär­tiges Phänomen sind, son­dern in unter­schiedlichen Zeit­en und Län­dern immer wieder auf­trat­en.

Religiös aufge­ladene Sym­bole und Geschichts­bilder kön­nen poli­tis­che Ord­nun­gen prä­gen. Vorstel­lun­gen ein­er heili­gen Nation, eines bedro­ht­en Volkes oder ein­er beson­deren his­torischen Mis­sion schaf­fen klare Gren­zen zwis­chen Zuge­höri­gen und ver­meintlich Außen­ste­hen­den. Reli­gion kann so poli­tis­che Iden­tität stiften, zugle­ich aber Auss­chluss und Ungle­ich­heit recht­fer­ti­gen.

Was ich aus Tübin­gen mit­nehme

Nach drei Tagen Kon­ferenz wurde vor allem eines deut­lich: Das Ver­hält­nis von Reli­gion und extremer Rechter lässt sich nur inter­diszi­plinär und in glob­aler Per­spek­tive angemessen nachvol­lziehen. His­torische Entwick­lun­gen, religiöse Ideen, poli­tis­che Strate­gien, dig­i­tale Kom­mu­nika­tions­for­men und transna­tionale Net­zw­erke greifen eng ineinan­der. Unsere Diskus­sio­nen hät­ten prob­lem­los noch tage­lang weit­erge­hen kön­nen.

Gle­ichzeit­ig zeigte die Tagung, wie vor­sichtig mit der Beze­ich­nung „Far Right“ umge­gan­gen wer­den muss: Ger­ade die glob­ale Per­spek­tive zeigte die Gren­zen des Begriffs auf. Er bün­delt sehr unter­schiedliche religiöse Milieus, poli­tis­che Bewe­gun­gen und ide­ol­o­gis­che Strö­mungen zu einem schein­bar geschlosse­nen Block. Das kann nicht nur die wis­senschaftliche Analyse erschw­eren, son­dern auch gesellschaftlich ein Gefühl von Dom­i­nanz erzeu­gen. Ger­ade deshalb ist es wichtig, genauer hinzuse­hen: Welche Grup­pen arbeit­en tat­säch­lich zusam­men? Welche Ziele teilen sie – und worin wider­sprechen sie sich? Welche Begriffe, Feind­bilder und Krisen­erzäh­lun­gen verbinden sie?

Auch für mich per­sön­lich war es hil­fre­ich, die ver­meintlich geschlossene Far Right in ihre unter­schiedlichen Strö­mungen, Inter­essen und Wider­sprüche aufzulösen. Die Entwick­lun­gen machen mir natür­lich weit­er­hin große Sorge, aber ich kann sie nach der Tagung bess­er einord­nen – und das nimmt ihnen zumin­d­est einen Teil ihrer schein­baren Über­ma­cht. Ich bin also nicht weniger besorgt aus Tübin­gen zurück­gekehrt, aber mit einem deut­lich besseren Ver­ständ­nis dafür, welche unter­schiedlichen Akteur*innen, Strate­gien und Welt­bilder hin­ter diesen Entwick­lun­gen ste­hen.

Über die ver­schiede­nen Pan­els hin­weg wurde außer­dem deut­lich, dass Reli­gion gemein­same Deu­tun­gen schafft, Vorstel­lun­gen von moralis­ch­er Ord­nung und Zuge­hörigkeit legit­imiert und poli­tis­chen Kon­flik­ten exis­ten­zielle Dringlichkeit ver­lei­hen kann. Gemein­same Feind­bilder ermöglichen das Bilden von Allianzen zwis­chen Akteur*innen, die eigentlich keineswegs diesel­ben religiösen Überzeu­gun­gen teilen.

Für mich hat die Tagung noch ein­mal gezeigt, wie wichtig die Reli­gion­swis­senschaft und andere Geistes- und Sozial­wis­senschaften für das Ver­ständ­nis gegen­wär­tiger gesellschaftlich­er Entwick­lun­gen sind. Sie helfen, nicht nur dur­chaus spür- und sicht­bare poli­tis­che Verän­derun­gen zu betra­cht­en, son­dern auch die religiösen Vorstel­lun­gen, ide­ol­o­gis­chen Erzäh­lun­gen, Sym­bole und Net­zw­erke dahin­ter. Dieses Wis­sen ist zwin­gend notwendig, um autoritäre und aus­gren­zende Entwick­lun­gen zu erken­nen, ihre Strate­gien offen­zule­gen und ihnen dif­feren­ziert und demokratisch zu begeg­nen. Zu sehen, wie viele Men­schen sich wis­senschaftlich, kri­tisch und fak­ten­basiert mit diesen Entwick­lun­gen auseinan­der­set­zen, hat mir zugle­ich Hoff­nung gegeben. Ver­ste­hen allein löst poli­tis­che Prob­leme nicht – aber es ist eine wichtige Voraus­set­zung dafür, ihnen nicht hil­f­los gegenüberzuste­hen.

Zum Abschluss möchte ich mich her­zlich bei den Organisator*innen für die Ein­ladung, die sorgfältige Vor­bere­itung und die offene, anre­gende Atmo­sphäre der Tagung bedanken. Her­zlichen Dank auch noch ein­mal an Felix Schilk für die Bere­it­stel­lung von Bild­ma­te­r­i­al.

Mehr Infos zur Tagung

Eine wis­senschaftliche Veröf­fentlichung mit Beiträ­gen aus der Tagung sowie ein Forschung­spro­jekt sind geplant. Sie wird einzelne The­men und Fall­beispiele aus­führlich­er behan­deln, als es in diesem per­sön­lichen Nach­bericht möglich ist.

Das voll­ständi­ge Pro­gramm, die Abstracts der Vorträge sowie Infor­ma­tio­nen zu den beteiligten Wissenschaftler*innen find­en sich auf der offiziellen Tagungsweb­site der Uni­ver­sität Tübin­gen.

https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/evangelisch-theologische-fakultaet/lehrstuehle-und-institute/praktische-theologie/praktische-theologie-iii/dr-hans-ulrich-probst/international-conference

Die Tagung wurde von Julian Strube, Judith Bodendör­fer, Rolf Franken­berg­er, Felix Schilk und Hans-Ulrich Prob­st organ­isiert. Für Fra­gen zur Kon­ferenz ist die fol­gende E‑Mail-Adresse angegeben:

conference2026@ev-theologie.uni-tuebingen.de

Mona Stumpe, 2026