„Ist das hier eine Sekte?!“ Warum die Frage nicht hilft, um Missbrauch zu verstehen

In öffentlichen Debat­ten über religiöse oder spir­ituelle Gemein­schaften wird der Begriff „Sek­te“ bis heute häu­fig ver­wen­det, auch wenn er im reli­gion­swis­senschaftlichen Diskurs weit­ge­hend ver­mieden wird. Ein Beispiel dafür ist das 2025 von den zwei Jour­nal­istin­nen Chris­tiane Hawranek und Kat­ja Pay­sen-Petersen her­aus­gegebene Buch Tox­ic Tantra. Die fol­gende Besprechung von REMID-Mit­glied Dr. Ramona Jelinek-Menke (Uni­ver­sität Bonn) nimmt Tox­ic Tantra zum Anlass, um aufzuzeigen, warum dieser pop­uläre Begriff nicht hil­ft, wenn man Manip­u­la­tion und Miss­brauch ver­ste­hen und ver­hin­dern will.

Worum es in Toxic Tantra geht

Die Jour­nal­istin­nen Chris­tiane Hawranek und Kat­ja Pay­sen-Petersen richt­en in ihrem Buch Tox­ic Tantra den Blick auf Miss­brauch und Manip­u­la­tion in der inter­na­tionalen Yogabe­we­gung Atman. Ihr Buch ist infor­ma­tiv und überzeugt durch eine klare Sprache. Den Autorin­nen gelingt es, bei aller Schwere des The­mas und allen ver­stören­den Details den Text nicht unnötig zu über­laden. In ihrem Buch machen die Autorin­nen ver­ständlich, wie jede und jed­er in eine Sit­u­a­tion ger­at­en kann, in der sie oder er zu Hand­lun­gen gedrängt wird, die im Nach­hinein z.B. die eigene psy­chis­che Gesund­heit beein­trächti­gen. Durch ihre Fall­rekon­struk­tio­nen zeigen sie, dass in solchen Sit­u­a­tio­nen die Gren­zen zwis­chen Zwang und Frei­willigkeit nur schein­bar ver­schwim­men. Damit tra­gen sie dazu bei, dass ein­er Täter-Opfer-Umkehr, bei der den Betrof­fe­nen eine Mitschuld an dem, was ihnen ange­tan wurde, zugeschrieben wird (vic­tim blam­ing), entsch­ieden­er ent­ge­genge­treten wer­den kann. Vielle­icht hil­ft die Aufk­lärung durch ihr Buch sog­ar, dass sich kün­ftig mehr Men­schen bess­er schützen kön­nen. Dies sind die großen Ver­di­en­ste der Autorin­nen.

Warum die Sekten-Debatte nicht weiterhilft

Hawranek und Pay­sen-Petersen kön­nten mit ihrem Buch noch mehr leis­ten. Sie kön­nten offen­siv­er eine gesellschaftliche Debat­te darüber anstoßen, ob es sex­uellen Miss­brauch in spir­ituellen und religiösen Gemein­schaften nicht nur gibt, weil er über­all vorkommt, son­dern auch, weil er durch Reli­gion begün­stigt wird. Dass sie es nicht tun, ist ein­er­seits ver­ständlich, da es ihnen um die Rekon­struk­tion von Fällen in ein­er ganz bes­timmten Organ­i­sa­tion geht. Ander­er­seits ist es aktuell aber wichtig, dem Ver­hält­nis zwis­chen Reli­gion und Miss­brauch nachzuge­hen, da immer mehr Fälle aus unter­schiedlichen – etablierten und eher unbekan­nten – Gemein­schaften öffentlich wer­den. Die Autorin­nen set­zen hinge­gen auf das Konzept der „Sek­te“, um Manip­u­la­tion und Miss­brauch in der Yoga-Schule zu erk­lären. Diese Erk­lärung ist jedoch nicht nur aus reli­gion­swis­senschaftlich­er Sicht über­holt, son­dern auch für die nötige gesellschaftliche Auseinan­der­set­zung mit den struk­turellen Bedin­gun­gen von Miss­brauch in ver­schiede­nen Gemein­schaften irreführend.

Wie der Sektenbegriff im Buch eingesetzt wird

Die Wer­be­texte zu Tox­ic Tantra auf Plat­tfor­men wie Ama­zon oder Thalia sprechen ganz unverblümt von „Machen­schaften“ ein­er „Yogasek­te“ (Her­vorhe­bung meine). Im Buch geht es sub­til­er zu: Die Zus­pitzung auf das Sek­tenkonzept scheint ein­er über­legten Dra­maturgie zu fol­gen. In der ersten Hälfte des Buchs ver­wen­den die Autorin­nen die Beze­ich­nung „Sek­te“ nicht – oder eher: schein­bar nicht selb­st. Der Begriff taucht zunächst nur vere­inzelt in Kom­mentaren ander­er (S. 25 und 39) sowie in den Gedankengän­gen ihrer Gesprächspart­ner­in­nen und ‑part­ner auf, die im Buch wiedergegeben wer­den. Die Autorin­nen for­mulieren sach­lich dif­feren­ziert und werten Gemein­schaften wie Yoga-Grup­pen nicht pauschal ab. In der zweit­en Hälfte des Buchs ver­stärkt sich der Ein­druck, dass die Fest­stel­lung, sie seien „an eine Sek­te ger­at­en“ (S. 161), für die Betrof­fe­nen große Erk­lärungskraft hat. Die Erken­nt­nis, dass es sich bei Atman um eine Sek­te han­dele, wird schließlich zen­tral dafür, dass sie sich (und den Lesenden) erk­lären kön­nen, warum Manip­u­la­tion und Macht­miss­brauch in etlichen Yoga-Schulen von Atman stat­tfan­den und warum sie sich auf sex­uelle und andere Hand­lun­gen ein­ließen, obwohl sie es nicht woll­ten.

Das Problem am Sektenbegriff im Kontext von Missbrauch

Die Fix­ierung auf das Sek­tenkonzept als Erk­lärung für Miss­brauch hat weitre­ichende Nachteile: Erstens trägt es wahrschein­lich nicht dazu bei, dass sich Gemein­schaften für eine Zusam­me­nar­beit mit Medi­en, Wis­senschaft und Behör­den öff­nen, wenn sie als „Sek­te“ abgestem­pelt wer­den. Zweit­ens geht mit der Einord­nung als „Sek­te“ eine Unter­schei­dung zwis­chen „echt­en Reli­gio­nen“ und „Sek­ten“ ein­her; und wenn Miss­brauch als Ergeb­nis von „Sek­ten“ gilt, scheinen „Reli­gio­nen“ über den Ver­dacht, Miss­brauch befördern zu kön­nen, erhaben zu sein. Dass jedoch religiöse Ein­rich­tun­gen nicht per se sichere Orte sind, ist schon lange klar. Der Begriff „spir­i­tu­al abuse“ („geistlich­er“ oder „spir­itueller Miss­brauch“) wurde bere­its in den frühen 1990er Jahren in den USA geprägt – und zwar mit Blick auf Miss­brauch in protes­tantis­chen Gemein­den. In Deutsch­land begann eine inten­sive Debat­te um sex­u­al­isierte Gewalt in religiösen Insti­tu­tio­nen 2010  als bekan­nt wurde, dass zwei Jesuit­en­pa­ter am katholis­chen Can­i­sius-Kol­leg in Berlin über Jahrzehnte hin­weg sex­uelle Über­griffe beg­in­gen.  Seit­dem sind weltweit unzäh­lige weit­ere Fälle von  Gewalt und Miss­brauch in der katholis­chen und der evan­ge­lis­chen Kirche öffentlich gewor­den. Vor diesem Hin­ter­grund ist die Frage nach dem Ver­hält­nis zwis­chen Reli­gion und Miss­brauch mehr als ange­bracht.

Ist Atman eine religiöse Gemeinschaft?

Die Atman Yoga Fed­er­a­tion (auch Move­ment for Spir­i­tu­al Inte­gra­tion into the Absolute, MISA, genan­nt) ist die Dachor­gan­i­sa­tion ein­er inter­na­tionalen Yoga-Bewe­gung mit Unteror­gan­i­sa­tio­nen in etwa 30 Län­dern. Die Unteror­gan­i­sa­tion in Deutsch­land heißt Deutsche Akademie für tra­di­tionelles Yoga e.V. (DAtY e.V.). Gegrün­det wurde die Bewe­gung 1990 von Gre­go­ri­an Bivolaru in Rumänien. In den Yoga-Zen­tren wer­den vor Ort und online Yogakurse mit The­o­rie- und Prax­isan­teilen ange­boten (ins­beson­dere Tantra-Yoga); in Lehren und Prak­tiken wer­den u.a. christliche Ele­mente inte­gri­ert. Wie die Autorin­nen von Tox­ic Tantra erläutern, geht es um Göt­ter und Göt­tin­nen sowie um eine höhere Wahrheit und ewig gültige Geset­ze, mit denen das Leben in Ein­klang gebracht wer­den soll. Grundle­gend sind die Vorstel­lun­gen, dass alles, was existiert und geschieht, miteinan­der ver­bun­den ist und durch dual­is­tis­che Polar­itäten sowie die Energie, die die Polar­itäten erzeu­gen, bes­timmt wird; diese Energie wiederum kann durch den Men­schen mit­tels bes­timmter Tech­niken genutzt und bee­in­flusst wer­den.  Aus reli­gion­swis­senschaftlich­er Per­spek­tive ist daher klar, dass Atman als (neue) religiöse Bewe­gung, Gemein­schaft oder Organ­i­sa­tion ver­standen wer­den kann.

Erstaunlich ist die Zus­pitzung der Autorin­nen auf den Sek­ten­be­griff als erk­lären­des Konzept auch deshalb, weil sie offen­sichtlich den End­bericht der Enquetekom­mis­sion Soge­nan­nte Sek­ten und Psy­chogrup­pen von 1998 ken­nen (S. 331), der aufgezeigt hat, warum die Beze­ich­nung „Sek­te“ (min­destens für den staatlichen Bere­ich) nicht geeignet ist, um Kon­flik­te in und um religiöse oder weltan­schauliche Grup­pen zu charak­ter­isieren. Die Ver­wen­dung des Sek­ten­be­griffs durch Hawranek und Pay­sen-Petersen mag die Bedeu­tung wider­spiegeln, die dieser für ihre Gesprächspartner*innen und Leser*innen hat, ver­fes­tigt damit aber zugle­ich die mit ihm ver­bun­de­nen Vorurteile in der öffentlichen Debat­te und kann die Aufar­beitung und Ver­hin­derung von Miss­brauch fehlleit­en.

Religion und Missbrauch: Warum mehr als einzelne Täter in den Blick genommen werden müssen

Wir kön­nen und soll­ten die Rechercheergeb­nisse von Hawranek und Pay­sen-Petersen zum Anlass nehmen, um all­ge­mein­er über das Ver­hält­nis zwis­chen Reli­gion und Miss­brauch zu sprechen. Es liegt mir vol­lkom­men fern, zu behaupten, dass alle religiösen Gemein­schaften gle­ich wären. Jede Schule, Tra­di­tion oder Gemein­schaft hat ihre eige­nen Vorstel­lun­gen, Prak­tiken und Organ­i­sa­tion­sstruk­turen, die Miss­brauch begün­sti­gen und dessen Ent­deck­ung und Aufar­beitung erschw­eren kön­nen. Was sie aber bei allen inhaltlichen Unter­schieden gemein­sam haben, ist, dass sie eben religiös sind, d.h. auf Tran­szen­dentes, auf eine endgültige, wis­senschaftlich nicht über­prüf­bare Autorität, Kraft oder Wahrheit bezo­gen, und daher möglicher­weise beson­ders schw­er zu kri­tisieren oder abzulehnen sind. Es erscheint undenkbar, dass jemand, der sich auf einen guten Gott, eine heilige Schrift oder ewig gültige Geset­ze beruft, etwas Schädlich­es tut. Betrof­fene glauben, der Täter, die Täterin oder die Kom­plizin wisse, was er oder sie tut und wozu es gut ist – auch wenn sie es selb­st nicht ver­ste­hen oder es sich deut­lich falsch anfühlt.

Das rekon­stru­ieren Hawranek und Pay­sen-Petersen auch sehr gut mit Blick auf die Atman-Schulen. Dies kann  aber auch auf etabliert­ere Reli­gio­nen wie das Juden­tum, das Chris­ten­tum, den Islam oder den Bud­dhis­mus genau­so zutr­e­f­fen. Auch in diesen Reli­gion­s­ge­mein­schaften nutzen nicht ein­fach „nur“ Einzelper­so­n­en die Infra­struk­tur der Gemein­den aus, um Über­griffe zu verüben, ohne dass dies etwas mit „der eigentlichen Reli­gion“ zu tun hat. Gurus, Rab­bin­er, Priester, Diakone, Imame und andere, die über­grif­fig wer­den, sind Teil von Reli­gio­nen. Eben­so wie indi­vidu­elle Absicht­en bilden religiös begrün­dete und ver­mit­telte Sex­ual­moral und Hier­ar­chien, das Ver­hält­nis zwis­chen der Gemein­schaft und der sie umgeben­den Gesellschaft und vieles mehr Bedin­gun­gen für Miss­brauch. Es kommt hier nicht zu einem Miss­brauch von Reli­gion, son­dern zu Miss­brauch durch Reli­gion.

Missbrauch durch Religion statt Missbrauch nur in „Sekten“

Miss­brauch damit zu erk­lären, dass er in Sek­ten oder Gemein­schaften mit sek­tenähn­lichen Struk­turen vorkomme, bestätigt vielmehr das Bild von soge­nan­nten Sek­ten, das zwis­chen den 1970er- und 1990er-Jahren geprägt wurde und das viele Men­schen bis heute haben, als dass die Etiket­tierung ein­er Gruppe als Sek­te die Entste­hung von Manip­u­la­tion und Miss­brauch erk­lärt. Die meis­ten der von den Autorin­nen aufge­führten Warnsignale für „tox­is­che Grup­pierun­gen“ (S. 298–301) tre­f­fen auch auf etablierte religiöse sowie nicht-religiöse Gemein­schaften zu. Zweifel­sohne tun Reli­gio­nen viel Gutes für einzelne Men­schen und ganze Gesellschaften – auch bei der Ver­ar­beitung von Gewal­ter­fahrun­gen. Aber wir müssen mit der Erken­nt­nis umge­hen, dass nicht nur einzelne pädophile Priester oder „ver­rückt geworden[e Gurus]“ (S. 264) Miss­brauch bege­hen. Religiöse Vorstel­lun­gen, Prak­tiken und Struk­turen müssen nicht, kön­nen aber Miss­brauch begün­sti­gen. Nur so kön­nen wir das gesamte Spek­trum struk­tureller Bedin­gun­gen für Manip­u­la­tion und Miss­brauch im Yoga und darüber hin­aus erken­nen und ihnen ent­ge­gen­wirken. „Sek­ten“ und Reli­gio­nen zu unter­schei­den und Miss­brauch prinzip­iell außer­halb „echter Reli­gion“ zu verorten, wird dies nicht leis­ten. Meine Kri­tik zielt also nicht ein­fach nur darauf, dass man nicht „Sek­te“ sagen solle; son­dern ich plädiere dafür, sich beim Ver­such, Miss­brauch zu ver­ste­hen, nicht von dem Trug­bild, das der Sek­ten­be­griff her­vor­ruft, in die Irre führen zu lassen.

Dr.in phil. Ramona Jelinek-Menke, 2026

Weit­er­führende Infos:

Trail­er der dre­it­eili­gen Serie “Twist­ed Yoga”

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