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Der Fall Luzern: über die Relevanz der Religionswissenschaft, sich auch außerhalb des universitären Kontextes  zu vernetzen

Die Uni­ver­sität Luzern hat am 24.10.2025 bekan­nt­gegeben, das Fach Reli­gion­swis­senschaft zu stre­ichen und dauer­haft aus dem Stu­di­en­ange­bot der Uni­ver­sität zu ent­fer­nen1. Diese Entschei­dung ist mit Spar­maß­nah­men begrün­det wor­den und trifft auch außer­halb der Uni­ver­sität auf Empörung: Studierende, Lehrende und zahlre­iche Stim­men aus der Öffentlichkeit reagieren mit Unver­ständ­nis und Kri­tik2. Warum trifft es aus­gerech­net die Reli­gion­swis­senschaft und was bedeutet der Fall Luzern für geis­teswis­senschaftliche Fäch­er ins­ge­samt? Darüber spricht REMID e.V. mit Prof. Dr. Mar­tin Bau­mann, Grün­dungs- und langjähriges Mit­glied von REMID e.V. und Leit­er der Reli­gion­swis­senschaft an der Uni­ver­sität Luzern.

Prof. Dr. Mar­tin Bau­mann. Quelle: Uni­ver­sität Luzern. (o. J.). [Fotografie].

Prof. Dr. Mar­tin Bau­mann ist ein renom­miert­er Reli­gion­swis­senschaftler. Bevor er 1993 an der Uni­ver­sität Han­nover pro­movierte, studierte er Reli­gion­swis­senschaft, Philoso­phie und Anglis­tik an den Uni­ver­sitäten Mar­burg, Lon­don und Berlin. Seit 2021 ist er Leit­er der Reli­gion­swis­senschaft an der Uni­ver­sität Luzern3. Im Jan­u­ar 2026 ste­ht seine Emer­i­tierung an, wom­it auch das Fach und das Reli­gion­swis­senschaftlich­es Sem­i­nar zur Dis­po­si­tion ste­ht. Seine Forschungss­chw­er­punk­te sind Reli­gion in Migra­tion und Inte­gra­tion, religiös­er Plu­ral­is­mus in west­lichen Demokra­tien, Reli­gion in der Dias­po­ra, hin­duis­tis­che und bud­dhis­tis­che Tra­di­tion im West­en sowie Dynamiken glob­aler Reli­gio­nen. Als Leit­er des langjähri­gen Pro­jek­ts zur Reli­gionsvielfalt im Kan­ton Luzern hat Mar­tin Bau­mann mit seinem Team die Entwick­lung der religiösen Vielfalt im Kan­ton Luzern doku­men­tiert und analysiert. Das Pro­jekt “Reli­gionsvielfalt im Kan­ton Luzern” wurde im Novem­ber mit dem Open Sci­ence Award 2026 aus­geze­ich­net. In Zusam­me­nar­beit mit der Uni­ver­sität Göt­tin­gen und der Uni­ver­sität Wien startete Mar­tin Bau­mann im Jahr 2024 ein weit­eres großes Pro­jekt, das den Wan­del von Reli­gion in Flucht und Migra­tion von syrischen Flüchtlin­gen analysiert. 

Prof. Dr. Bau­mann, befürcht­en Sie, dass die Stre­ichung der Reli­gion­swis­senschaft an der Uni­ver­sität Luzern ein Sig­nal für eine bre­it­ere Entwick­lung ist, in der kleinere Stu­di­engänge und Geis­teswis­senschaften ins­ge­samt unter Druck ger­at­en? Wenn ja, was kann man dage­gen tun und was wün­schen Sie sich von der Poli­tik und den Uni­ver­sitäten, um diesem Prozess vorzubeu­gen?

Ich denke, man muss die Entwick­lun­gen in Luzern als einen beson­deren Fall sehen, weil der Struk­tur­plan 2024 Reli­gion­swis­senschaft an der Fakultät noch vorge­se­hen hat­te. Meine Pro­fes­sur sollte wieder neu beset­zt wer­den, aber dann wurde die Fakultät gezwun­gen, weit­ere Spar­möglichkeit­en zu suchen. Das kann jede Fakultät früher oder später tre­f­fen. In diesem Sinne ist Luzern kein Sig­nal für eine bre­it­ere Entwick­lung, son­dern ein typ­is­ches Vorge­hen von Uni­ver­sitäten. Die Fakultät hat eine prag­ma­tis­che Entschei­dung getrof­fen, die durch Emer­i­tierung frei gewor­dene Pro­fes­sur nicht neu zu beset­zen. Also in diesem Sinne sehe ich das nicht als Sig­nal, son­dern eben als typ­isch, dass Fäch­er ver­loren gehen — wie früher die Ägyp­tolo­gie oder die Sinolo­gie. So kön­nen durch Spar­maß­nah­men und freie Pro­fes­suren kleinere, aber auch teil­weise größere Fäch­er gestrichen wer­den. 

Was man dage­gen tun kann? Es ist wichtig, früh inneruni­ver­sitäre Allianzen zu for­men und den Aus­tausch mit anderen Fach­bere­ichen wie Sozi­olo­gie, Poli­tik­wis­senschaft und Kul­tur­wis­senschaften zu fördern und dementsprechend inter­diszi­plinäre Stu­di­engänge zu entwick­eln um sicherzuge­hen, dass die Reli­gion­swis­senschaft unverzicht­bar bleibt. Das Vorge­hen der Uni­ver­sitäten ist eben stark an Lob­b­yarbeit und Allianzen in den Fakultäten gebun­den, welche man aktiv fördern muss, um solchen Entschei­dun­gen ent­ge­gen­zuwirken. Jedoch sehen wir auch große, starke Insti­tu­tio­nen wie beispiel­sweise Reli­gion­swis­senschaft in Lan­cast­er, mit Nin­ian Smart als Grün­dungs­di­rek­tor, die zur Dis­po­si­tion ste­hen. Das zeigt, dass diese Entwick­lun­gen kleinere, aber auch größere Fäch­er tre­f­fen kön­nen, weil es eben zudem auch stark auf die Spar­poli­tik und die Präferen­zen der Uni­ver­sitäten ankommt. 

In diesem Sinne, würde ich sagen, dass die Entwick­lung ein Zeichen für einen bre­it­eren Trend ist, in dem die Geistes-und Sozial­wis­senschaften seit vie­len Jahren unter Druck ger­at­en ist. Der Diskurs von Nüt­zlichkeit spielt hier auch eine große Rolle, weil in anderen Fäch­ern wie Gesund­heitswis­senschaften und Rechtswis­senschaften stärk­er auf anwen­dung­sori­en­tierte Fähigkeit­en geset­zt wird. Diese Entwick­lung wird auch zunehmend von Geistes-und Sozial­wis­senschaften über­nom­men. Wo soll man die Gren­ze in punk­to Anwend­barkeit ziehen? Ich denke, dass man über­legen muss, ob man den Bil­dungsaspekt und die intellek­tuelle Entwick­lung und Befähi­gung doch wieder in den Vorder­grund rück­en sollte. 

Das Fach Reli­gion­swis­senschaft an der Uni­ver­sität Luzern ist ein­er der erfol­gre­ich­sten in der Erwer­bung von Drittmit­teln, was die finanzielle Argu­men­ta­tion der Uni­ver­sität zunichte macht. Gibt es Ihrer Mei­n­ung nach noch einen anderen Grund, warum die Reli­gion­swis­senschaft an der Uni­ver­sität Luzern been­det wer­den soll?

Bei der Entschei­dung, das Fach Reli­gion­swis­senschaft einzustellen, wur­den die Kri­te­rien von höheren Gremien — dem Uni­ver­sität­srat und teil­weise dem Kan­ton — vorgegeben. Dabei rück­te das Argu­ment der Studieren­den­zahlen in den Vorder­grund. In der Kul­tur-und Sozial­wis­senschaftlichen Fakultät in Luzern ste­ht die Reli­gion­swis­senschaft mit nur ein­er Pro­fes­sur noch nicht ein­mal als schlecht­estes da.

In dem Schweiz­er Sys­tem sind Drittmit­tel sehr wichtig, weil sie dazu beitra­gen, über soge­nan­nte Bun­des­beiträge, zusät­zliche Gelder für die Fakultät oder Uni­ver­sität zu gener­ieren und damit zu unter­stützen. Jedoch wurde dieses Argu­ment let­ztlich nicht entsch­ieden gewichtet. Auss­chlaggebend blieben vor allem die niedri­gen Studieren­den­zahlen im Major. Obwohl Reli­gion­swis­senschaft als Neben­fach auch von Psy­cholo­gi­es­tudieren­den sehr gefragt ist, bleiben die Studieren­den­zahlen des Haupt­fachs ger­ing und sind in den let­zten Jahren deut­lich zurück­ge­gan­gen. Diese Entwick­lung spiegelt sich jedoch im ganzen kul­tur- und sozial­wis­senschaftlichen Bere­ich ab, in der Schweiz, aber auch in Deutsch­land gehen in diesem Bere­ich die Studieren­den­zahlen zurück. 

Zusam­men mit dem unglück­lichen Zeit­punkt ein­er Emer­i­tierung hat sich lei­der eine unglück­liche Kon­stel­la­tion entwick­elt, die dazu geführt hat, dass die Reli­gion­swis­senschaft in Luzern abgeschafft wird. In diesem Sinne kön­nen Drittmit­tel zwar ein Argu­ment sein, weil sie zeigen, dass man als Fach erfol­gre­ich externe För­der­mit­tel kom­pet­i­tiv ein­wer­ben kann. Dazu haben wir noch argu­men­tiert, dass das Fach durch Forschung­spro­jek­te und öffentliche Zusam­me­nar­beit Wis­senstrans­fer nach außen fördert und lokale Ver­net­zung stärkt. Jedoch sind es am Ende bes­timmte Kon­stel­la­tio­nen, die zusam­menkom­men und zu solchen strate­gisch wenig einge­beteten Entschei­dun­gen führen. Das ist sehr bit­ter, aber manch­mal kann es eben sehr schnell gehen.

Sie haben ger­ade schon Ihre Forschung­spro­jek­te erwäh­nt. Ihr Langzeit­pro­jekt zur Reli­gionsvielfalt im Kan­ton Luzern, aber auch Ihr aktuelles Pro­jekt zum Wan­del von Reli­gion in Flucht und Migra­tion, was bis 2027 ange­set­zt ist, sind gesellschaftlich sehr rel­e­vant und wichtig4. Deswe­gen stellt sich mir die Frage, wie Ihre Forschung­spro­jek­te fort­ge­set­zt wer­den kön­nen, falls das Fach tat­säch­lich geschlossen wird?

Wir sind derzeit an zwei Pro­jek­ten beteiligt. Das größere Pro­jekt ist ein Drei-Län­der-Pro­jekt mit der Uni­ver­sität Wien und der Uni­ver­sität Göt­tin­gen. Dieses Pro­jekt kann wie geplant bis März 2027 fort­ge­führt wer­den, weil es von Drittmit­teln den durch Schweiz­er Nation­al­fonds, den Wis­senschafts­fonds Öster­re­ich und der Deutschen Forschungs­ge­mein­schaft (DFG) finanziert wird. Ich werde bis dahin weit­er an der Uni­ver­sität angestellt bleiben, um das Forschung­spro­jekt mit meinen Kollegen*innen und wis­senschaftlichen Mitarbeiter*innen an der Fakultät durch­führen zu kön­nen. In Göt­tin­gen und Wien wird über­legt, ob ein Anschlusspro­jekt aufge­lis­tet wer­den kann und dort würde ich dann nur noch eine bera­tende Rolle spie­len. Dieses Pro­jekt lässt sich dementsprechend gut logis­tisch weit­er­führen und erlaubt es mir, in der Pro­jek­tzeit an der Uni­ver­sität Luzern weit­er­hin angestellt zu bleiben.

Größere logis­tis­che Her­aus­forderung bet­rifft das lokal ver­ankerte Pro­jekt der Reli­gionsvielfalt im Kan­ton Luzern. Im Herb­stse­mes­ter 2025 führten wir eine Ringvor­lesung durch, bei der neben Studieren­den und Inter­essierte aus der Öffentlichkeit auch Vertreter*innen von der Luzern­er Reli­gion­s­ge­mein­schaft zusam­menkom­men. Wir über­legen, ob wir solche Ver­anstal­tun­gen außer­halb der Uni­ver­sität fort­set­zen kön­nen, um dieses Pro­jekt weit­er­hin auf anderen Wegen zu ermöglichen. Es ist uns wichtig, dieses Pro­jekt weit­erzuführen, da es viel in kirch­lichen Kreisen, von Behör­den, in inter­re­ligiösen Kreisen sowie an Schulen benutzt wird. Dementsprechend ist dieses Pro­jekt ein Beispiel, wie man wis­senschaftliche Forschung nach außen tra­gen und lokal ver­ankern kann. Bis 2026 wer­den mein Kol­lege, Dr. Andreas Tunger-Zanet­ti und ich, weit­er­hin angestellt bleiben. Wir pla­nen, weit­ere par­tielle Aktu­al­isierun­gen des Pro­jek­ts durchzuführen und zu ermöglichen, dass die Ergeb­nisse aufrechter­hal­ten und extern zugänglich gemacht wer­den kön­nen. In diesem Sinne sind wir dabei, das ganze Pro­jekt zu archivieren, um es für die Nach­welt zu erhal­ten und zu zeigen, wie diese Forschung zus­tande gekom­men ist und durchge­führt wurde. Wir erhof­fen uns sehr, dass eine neue Part­ner­in­sti­tu­tion dieses Pro­jekt weit­er­en­twick­eln und die Forschung fort­set­zen kann. Erste Gespräche dafür gibt es schon. Zugle­ich muss man aber sagen, dass der Kan­ton öffentlich erk­lärt hat, dass bes­timmte For­mate des Pro­jek­ts weit­erge­führt wer­den kön­nen. Aus mein­er Sicht ist es jedoch klar, dass dies nicht kosten­neu­tral möglich ist. Man muss deut­lich­er sagen, was Forschung und deren Umset­zung kostet, weil son­st die Argu­mente des Kan­tons bekräftigt wer­den, die Uni­ver­sität nur begren­zt finanziell unter­stützen zu müssen.

Abschließend würde ich Sie gerne fra­gen, wie sich aus Ihrer Sicht sich­er­stellen lässt, dass die Reli­gion­swis­senschaft auch kün­ftig einen Platz in den Uni­ver­sitäten und in der Öffentlichkeit behält? 

Ich möchte die Frage gerne ein­mal auf der Ebene der Uni­ver­sitäten und auf der Ebene der Öffentlichkeit beant­worten. 

Inner­halb der Uni­ver­sität halte ich Koop­er­a­tio­nen und Allianzen für zen­tral und wichtig, um die Reli­gion­swis­senschaft inner­halb der Uni­ver­sitäten zu ver­ankern. Beispiel­sweise kooperieren wir mit der the­ol­o­gis­chen Fakultät und haben über­legt, gemein­same Pro­jek­te mit der Gesund­heitswis­senschaftlichen Fakultät über Heilung und Reli­gion zu organ­isieren. Eben­so gibt es Aus­tausch mit der Rechtswis­senschaftlichen Fakultät über mögliche Zusam­me­nar­beit. Solche Koop­er­a­tio­nen inner­halb der Uni­ver­sität sowie Beteili­gung an inter­diszi­plinären Stu­di­engän­gen sollte man fördern, um den sink­enden Studieren­den­zahlen ent­ge­gen­zuwirken. In inte­gri­erten Stu­di­engän­gen würde Reli­gion­swis­senschaft sehr gut aufge­hoben sein. Man sollte jedoch sich­er­stellen, dass eine reli­gion­swis­senschaftliche Fach­per­son beteiligt ist, die Exper­tise ein­brin­gen kann. Reli­gion ist ein rel­e­vantes The­ma und etwa in glob­alen Stu­di­en oder Pro­gram­men zum Wan­del von Kul­turen und mod­er­nen Gesellschaften sehr zen­tral und sollte dementsprechend dort inte­gri­ert und repräsen­tiert wer­den. 

In der Öffentlichkeit ist es wichtig, sicht­bar zu sein. Beispiel­sweise haben wir regelmäßige öffentliche Ringvor­lesun­gen durchge­führt, um Reli­gion­swis­senschaft der Öffentlichkeit nahezubrin­gen. Ger­ade in Luzern liegt die Uni­ver­sität sehr zen­tral, was Ver­anstal­tun­gen leicht zugänglich macht. Außer­dem ist es wichtig, The­men zu besprechen, die für die Öffentlichkeit inter­es­sant und rel­e­vant sind. Hier sind auch unsere Forschung­spro­jek­te mit Prax­is­bezug ein wichtiger Aspekt. Beispiel­sweise haben wir Work­shops zum The­ma Islam und Schule durchge­führt und Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen ein­ge­laden und ihre Erfahrun­gen und Her­aus­forderun­gen aus der Schule in das Gespräch und den Work­shop mit einge­bun­den. Dadurch hat­ten wir die Möglichkeit, unsere Forschungsergeb­nisse zu präsen­tieren, sowie von der Praxis­er­fahrung der Teil­nehmenden zu ler­nen.  Diese Art von Fort­bil­dung nen­nen wir “Stake­hold­er-Work­shops”, welche wichtig sind, um Aus­tausch zu fördern und hil­fre­ich sind, um die Weit­er­en­twick­lung der Forschung­spro­jek­te zu ermöglichen. Mein Ein­druck ist, dass diese öffentliche Zusam­me­nar­beit zu ein­er guten Ver­ankerung des Fachge­bi­ets führt und auch für jedes Fach wichtig ist. 

Allerd­ings ist nicht jede*r Wissenschaftler*in daran inter­essiert oder erfahren, mit der Öffentlichkeit und den Medi­en zusam­men­zuar­beit­en, da es zusät­zlich­er Aufwand ist. Manche Forschen­den pri­or­isieren die Arbeit mit Büch­ern und fühlen sich am wohlsten, wis­senschaftlich zu schreiben. Das zeigt, dass es nicht jedem liegt, mit der Öffentlichkeit zu arbeit­en und mit Medi­en zu kom­mu­nizieren. Jedoch ist die öffentliche Arbeit ein sehr wichtiger Bestandteil, das Fach sicht­bar zu machen und Ver­ständ­nis für das jew­eilige Fach zu fördern. Reli­gion­swis­senschaft wird oft falsch ver­standen und es ist wichtig den Diskurs zu fördern und Missver­ständ­nisse zu min­imieren. 

Für uns heißt es, dass unsere Arbeit, die Reli­gion­swis­senschaft zu ver­ankern, dur­chaus erfol­gre­ich war. Das kön­nen wir an der bre­it­en öffentlichen Reak­tion zur Stre­ichung des Fachs sehen. Die Entschei­dung traf auf ein bre­it­ge­fächertes Unver­ständ­nis und auf Wider­spruch inner­halb, aber eben auch außer­halb der Uni­ver­sität. Das zeigt, dass die Ver­ankerungspoli­tik, die wir über Jahre durchge­führt haben, Früchte trägt. Ich bin sehr froh, dass mein langjähriger Kol­lege Dr. Tunger-Zanet­ti früher in Medi­en und Zeitun­gen gear­beit­et hat und dadurch Erfahrung und Inter­esse mit­ge­bracht hat, um unser Fach in Luzern in der Öffentlichkeit zu ver­ankern. Schlussendlich ist es wichtig, die Zeit und die vielfälti­gen Möglichkeit­en zu nutzen, inner­halb und außer­halb der Uni­ver­sitäten das Fach zu ver­net­zen.

Ihre Worte zeigen, was der Vere­in REMID e.V. ver­sucht zu ermöglichen, die
Reli­gion­swis­senschaft an die Öffentlichkeit zu kom­mu­nizieren. Ich freue mich zu hören,
dass Sie die Arbeit von REMID weit­er­hin schätzen und als wichtig einord­nen.

Ich halte es für zen­tral und wichtig, die Unter­schiede zwis­chen Reli­gion­swis­senschaft und The­olo­gie aufzuzeigen. Denn es beste­ht die Gefahr, dass die Reli­gion­swis­senschaft in anderen Fäch­ern unterge­ht oder von der The­olo­gie ein­genom­men wird. REMID e. V. hat die Möglichkeit, mit neuen Pro­jek­ten diese Per­spek­tiv­en stark zu machen und nach außen zu tra­gen. Denn ger­ade in der Zen­tralschweiz zum Beispiel ist der Unter­schied zwis­chen Reli­gion­swis­senschaft und The­olo­gie noch nicht klar. Hier ist es wichtig,
reli­gion­swis­senschaftliche Kom­mu­nika­tion zu leis­ten, um diese Missver­ständ­nisse aufzuk­lären. Genau da set­zt REMID e.V. an und macht wichtige Arbeit.

Warum ist das The­ma Reli­gion heutzu­tage noch aktuell? Genau das muss man auch deut­lich machen. Aktuelle nationale sowie inter­na­tionale gesellschaftliche und poli­tis­che Entwick­lun­gen zeigen die Rel­e­vanz von religiösen The­men. Trotz der Annahme von eini­gen mein­er Kolleg*innen, dass Reli­gion durch den säku­lar­isierten Diskurs keine Rolle mehr spielt, zeigen die täglichen Zeitun­gen oft was anderes. Ger­ade wenn man Poli­tik auf der inter­na­tionalen Ebene ver­fol­gt, wird einem schnell klar, dass Reli­gion weit­er­hin rel­e­vant ist. Umso wichtiger ist es, dass REMID e.V. sich so stark engagiert und diese Per­spek­tiv­en für die Öffentlichkeit sicht­bar macht.

Mieke Eibel, Dezem­ber 2025.

Wir danken Her­rn Prof. Dr. Bau­mann für dieses Gespräch (20.11.2025)

Weit­ere Infor­ma­tio­nen und Updates zu den Entwick­lun­gen in Luzern im Medi­en­spiegel der Uni­ver­sität.

Hin­weis: dieses Inter­view wurde von Mieke Eibel im Rah­men Ihres stu­den­tis­chen Prak­tikums bei REMID e.V.  durchge­führt.

Meine Gedanken zur Reli­gion­swis­senschaft

Reli­gion­swis­senschaft unter­schei­det sich von The­olo­gie und fokussiert sich auf die Analyse von allen Reli­gio­nen, wobei keine Wer­tung oder Beurteilung vorgenom­men wird5. Reli­gion sowie reli­gions­be­zo­gene The­matiken wer­den sach- und fak­ten­be­zo­gen analysiert und möglichst wert­neu­tral erk­lärt. In diesem Sinne analysieren Religionswissenschaftler*innen Reli­gio­nen als gesellschaftlich­es Phänomen, was sich in diversen Diszi­plinen und The­men­bere­ichen wie Sozi­olo­gie, Geschichts- und Poli­tik­wis­senschaft  kristallisiert.

Dadurch zeigt sich, dass Reli­gion­swis­senschaft ein wichtiger Teil gesellschaftlich­er Fra­gen und wis­senschaftlich­er Arbeit ist. Im Bere­ich der Migra­tion und Inte­gra­tion sowie bei gewalt­samen Kon­flik­ten und Friedens­forschung spielt Reli­gion auch eine große Rolle, weil sie die Gesellschaft maßge­blich prägt. Debat­ten über Säku­lar­isierung, Reli­gions­frei­heit und Inte­gra­tion sind Beispiele direk­ter religiös­er All­t­ags­the­men. Jedoch wer­den viele Desin­for­ma­tio­nen im Inter­net veröf­fentlicht und Feind­seligkeit­en sowie Vorurteile anderen Reli­gio­nen gegenüber ver­bre­it­et.

Um diesen Entwick­lun­gen gegen­zus­teuern, set­zt sich REMID e.V. ein, wis­senschaftlich fundierte Infor­ma­tio­nen und Gesellschaft rel­e­vante reli­gions­be­zo­gene The­men der Öffentlichkeit wert­neu­tral nahezubrin­gen sowie Falschin­for­ma­tio­nen und Ver­schwörungsnar­ra­tiv­en ent­ge­gen­zuwirken6. Im Gespräch mit Prof. Dr. Mar­tin Bau­mann wird klar: Reli­gion­swis­senschaft muss sich auch außer­halb der Uni­ver­sitäten ver­ankern. 

  1.  Uni­ver­sität Luzern. (2025, 30. Okto­ber). Uni­ver­sität stärkt ihre Posi­tion und set­zt struk­turelle Mass­nah­men an drei Fakultäten um [Online-News]. https://www.unilu.ch/news/universitaet-staerkt-ihre-position-und-setzt-strukturelle-massnahmen-an-drei-fakultaeten-um-9862/
    ↩︎
  2. Uni­ver­sität Luzern. (2025, Novem­ber 7). Dies aca­d­e­mi­cus 2025 [PDF]. Uni­ver­sität Luzern. https://www.unilu.ch/fileadmin/fakultaeten/ksf/institute/relsem/Dok/251107_LZ_Diesacademicus.pdf ↩︎
  3.  Uni­ver­sität Luzern. (o. D.). Mar­tin Bau­mann [Pro­fil]. Uni­ver­sität Luzern. https://www.unilu.ch/fakultaeten/kultur-und-sozialwissenschaftliche-fakultaet/institute/religionswissenschaftliches-seminar/mitarbeitende/martin-baumann/#section=topicabgeschlossen&tab=c1288 ↩︎
  4. Uni­ver­sität Luzern. (o. D.). Reli­gion­swis­senschaftlich­es Sem­i­nar — Über­sicht [Web­seite]. Uni­ver­sität Luzern. https://www.unilu.ch/fakultaeten/kultur-und-sozialwissenschaftliche-fakultaet/institute/religionswissenschaftliches-seminar/uebersicht/#tab=c168381
    ↩︎
  5. REMID e. V. (o. D.). Was ist Reli­gion­swis­senschaft? [Web­site]. REMID. https://remid.de/religionswissenschaft/was-ist-religionswissenschaft/ ↩︎
  6.  REMID e. V. (o. D.). Der Vere­in [Web­seite]. REMID. https://remid.de/der-verein/ ↩︎

Titel­bild Foto­cre­d­its: Joel Dittli/zentralplus