Streitfall Neue Religionen

REMID-Tagung, Marburg, 27. bis 29. März 1998

Wenn sich die Süddeutsche Zeitung mit einem Thema über mehrere Monate hinweg in einer Artikelserie beschäftigt und die überregionalen Wochenblätter demselben Thema regelmäßig Titelseiten und umfangreiche Dossiers widmen, dann kann es sich dabei nicht um eine Nebensächlichkeit handeln. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn der Deutsche Bundestag in Zeiten knapper Kassen eine teure Enquete-Kommission einsetzt, die zu eben diesem Thema die Meinung der Experten einholen, die Gefahren beim Namen nennen und dem Gesetzgeber Rat erteilen soll. Wie der Name der Kommission verrät, geht es um die »sogenannten Sekten und Psychokulte«, die Neuen Religionen also. Fachleute aus dem In- und Ausland beobachteten dieses Szenario mit Verwunderung: woher dieser Aktionismus? Weder gibt es in Deutschland besonders viele Neue Religionen, noch haben sie in der Vergangenheit durch spektakuläre oder tragische Aktionen von sich reden gemacht. Die Zahl ihrer Anhänger ist hierzulande erstaunlich gering. Auch gibt es keine wissenschaftlichen Studien, welche die in den Medien reproduzierten Befürchtungen rechtfertigen. Wie also läßt sich die Angst vor den Neuen Religionen erklären?

Diese Frage und andere mehr sollten auf einer wissenschaftlichen Tagung erörtert werden, die im März 1998 in den Räumen der Universität Marburg stattfand. Organisiert wurde die Veranstaltung mit dem Titel »Streitfall neue Religionen« vom Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst REMID in Zusammenarbeit mit dem Center for the Studies on New Religions CESNUR. Eingeladen wurden Referenten aus den verschiedensten mit dem Thema befaßten Disziplinen. Die Rednerliste konnte sich sehen lassen, nannte sie doch viele prominente Vetretreter der internationalen Neureligionsforschung. Entsprechend groß war das Publikumsinteresse. Angemeldet hatten sich mehr als 130 Teilnehmer, darunter viele Studierende und Wissenschaftler aus ganz Deutschland. Das Ziel der Konferenz bestand darin, einer größtmöglichen Breite von Positionen ein Podium zu bieten. Der oft unsachlichen Diskussion, die in Deutschland die Medien beherrscht, sollte ein kontroverser, aber konstruktiver Erkenntnis- und Meinungsaustausch entgegengesetzt werden. Es waren daher Referenten eingeladen worden, die sich nicht nur durch ihren Sachverstand, sondern zugleich durch ihre Bereitschaft und Fähigkeit zum unpolemischen Gedankenaustausch ausgezeichnet hatten. Die bereitwillige Zusage der angefragten Referenten und die große Zahl der angemeldeten Gäste zeigte, daß an dieser Art der Beschäftigung mit dem Thema Neue Religionen in Deutschland ein großes Interesse besteht. Um so verwunderlicher war es, daß die beiden kirchlichen Referenten, Michael Nüchtern von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und Hans Gasper von der Zentralstelle Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz, ihre Monate zuvor gegebene Zusage in der Woche vor der Veranstaltung plötzlich zurückzogen. Als Begründung wurde auf eine Presseerklärung von REMID verwiesen. Darin hatten die Veranstalter das politische Ziel der Tagung erläutert, das darin bestand, zu einer Versachlichung der in Deutschland mitunter hysterische Züge annehmenden Diskussion beizutragen. Obwohl dieses Anliegen den beiden Referenten von Anfang an bekannt gewesen war, sie es durch ihre Teilnahmezusage auch gebilligt hatten, lehnten sie nunmehr eine diesbezügliche »Vereinnahmung« ab. Ganz offensichtlich hat bei dieser Entscheidung der massive innerkirchliche Druck eine Rolle gespielt, dem die beiden Referenten ausgesetzt gewesen waren. Vorausgegangen war all dem ein Artikel Thomas Gandows. Der Provinzialpfarrer für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg hatte in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift »Berliner Dialog« (Nr. 4/1997, S. 28) seinem »Befremden« über die geplante Teilnahme der Herren Nüchtern und Gasper Ausdruck verliehen. Mit der von ihm virtuos beherrschten Methode der diffamierenden Andeutung hatte Gandow die Veranstalung als Teil einer »Kampagne« der »Kult-Lobby« präsentiert, die Wissenschaftlichkeit der Tagung in Frage gestellt und den Veranstaltern »Verbindung zu Scientology« unterstellt. Damit war der Boden bereitet für eine andauernde kircheninterne Kontroverse, an deren Ende die Absage der Referenten Nüchtern und Gasper stand. Der kurzfristige Rückzug erregte Unverständnis und Bedauern. Siegfried Keil, Dekan der theologischen Fakultät, in deren Räumlichkeiten die Konferenz stattfand, mißbilligte in seinem Grußwort die Absage seiner Kollegen. Nachdrücklich identifizierte er sich mit dem auf Dialog und Versachlichung zielenden Anliegen der Veranstalter und verhinderte auf diese Weise bei den Gästen aus dem In- und Ausland den Eindruck, daß Vertreter der großen Kirchen in Deutschland den wissenschaftlichen Dialog und das Gespräch über abweichende Religiosität grundsätzlich scheuten.

Berührungsängste

Die Rednerliste zeigte eines sogleich: die Zahl der sich mit Neuen Religionen befassenden Wissenschaftler ist in Deutschland, anders als im europäischen Ausland oder in den USA, nicht gerade groß. Günter Kehrer, Religionswissenschaftler an der Universität Tübingen, referierte in seinem Vortrag über die Ursachen für diese Zurückhaltung. Den Hauptgrund sieht Kehrer in der affirmativen Haltung gegenüber dem Gegenstand Religion, welche das Fach seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert geprägt habe. Die Wurzeln der Religionswissenschaft lägen in der Philologie, und gerade in der Formierungsphase der neuen Disziplin sei die Nähe zur Theologie nicht zu übersehen gewesen. Beides begünstigte die Bereitschaft der Forschenden, in den religiösen Quellen vor allem Exzeptionelles und Erhabenes zu suchen und folglich auch zu finden. Daß jedoch religiöse Aussagen grundsätzlich intellektuell befriedigend, philosophisch anregend und inhaltlich kohärent seien, sei eine gerne geglaubte Vermutung, empirisch aber nicht zu belegen. Über die tatsächlich von einem Stifter verkündete Lehre, so Kehrer, wüßten wir oft überhaupt nichts aus erster Hand. Die religionshistorischen Quellen seien in den günstigeren Fällen Jahrzehnte nach dem Tod des Urhebers entstanden. Der Textkorpus einer religiösen Tradition insgesamt sei fast immer das Resultat jahrhundertewährender gedanklicher Durchdringung seitens der Anhänger. Die mit der Redaktion der Überlieferung beauftragten Spezialisten nun schafften im Laufe der Generationen einen Fundus von Gedanken, die sich nicht selten durch Komplexität, Originalität und Kohärenz auswiesen – zur Freude und Genugtuung der Religionsforscher. Und selbst in den Fällen, wo es sich offensichtlich anders verhalte, behindere die Mühe, die das Entziffern eines in Sanskrit oder Pali überlieferten Fragments dem Historiker bereite, die mitunter naheliegende Einsicht, daß der Inhalt des Textes eher trivialer Natur sei. Ganz anders, so Kehrer, verhalte es sich bei den Neuen Religionen. Hier lägen die Äußerungen des Stifters oft in großer Fülle vor, sie seien bequem erreichbar und leicht zu lesen. Es falle nicht schwer, Inkonsistenzen oder Plagiate zu identifizieren, Fälschungen, Banalitäten oder offenkundig pekuniäre Motive zu brandmarken. Insgesamt, so Kehrer, sei das philologische Quellenstudium den Neuen Religionen gegenüber nicht adäquat, weshalb sich traditionell ausgebildete Religionswissenschaftler nur in Ausnahmefällen mit ihnen befaßten. Die Reduzierung auf ihre Texte werde zwar auch den traditionellen Religionen nicht gerecht; besonders deutlich werde die Unzulässigkeit dieser Verkürzung aber bei den Neuen Religionen. Kehrer warb für einen religionssoziologischen Zugang: Religionen seien nicht nur geistige Gebilde, sondern auch soziale Einheiten, die sich in einem weltlichen Umfeld behaupten müßten. Ihre Anhänger seien Menschen aus Fleisch und Blut, die mehrheitlich weit davon entfernt seien, den ganzen Tag über die vielzitierten »letzten Dinge« nachzugrübeln. Keiner der genannten Punkte sei jedoch geeignet, neue von alten oder richtige von falschen Religionen zu unterscheiden. Zwar werde regelmäßig das Gegenteil behauptet, derartige Argumentationen belegten jedoch die »stillschweigende Übernahme« der Säkularisierungsthese, vor der auch Religionswissenschaftler nicht immer gefeit seien: »Man traut der eigenen Zeit keine religiöse Potenz zu.« Der Tübinger Religionswissenschaftler zeigte in seinem mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag deutlich, daß es beim »Streitfall Neue Religionen« weder darum gehen kann, anderen Disziplinen Versäumnisse vorzuwerfen, noch darum, die Neuen Religionen zu idealisieren. Kehrer plädierte für eine kritische Distanz zum Gegenstand: zu den traditionellen wie zu den Neuen Religionen. Weiterhin warb er für methodische Offenheit in der Religionswissenschaft, ohne dabei den Wert der philologisch orientierten Religionsforschung zu schmälern. Die nächste Referentin nahm den Faden Kehrers auf. Es sprach Eileen Barker von der Londoner School of Economics and Political Science. Barker hat sich vor allem mit ihren Studien über die Vereinigungskirche einen Namen gemacht. Im Mittelpunkt ihres Marburger Vortrags standen jedoch theoretische und methodische Überlegungen, insbesondere die Forderung, bei der Erforschung Neuer Religionen auf sozialwissenschaftliche Methoden wie Befragung und Beobachtung zu setzen. Barker referierte einen wissenssoziologischen Ansatz. Demzufolge existierten in einer Gesellschaft zahlreiche und zum Teil miteinander konkurrierende Konstruktionen von Wirklichkeit. Keines Menschen Wirklichkeitskonstruktion sei mit der eines anderen identisch. Dennoch gebe es Übereinstimmungen. Religionen seien Gruppen von Menschen, die eine bestimmte Menge von Weltbildelementen teilten. Dasselbe gelte für die Neuen Religionen, die Kritiker derselben und natürlich die Wissenschaftler, die sich mit der Erforschung der Neuen Religionen befassten. Die Wissenschaftler, namentlich die Soziologen, könnten zwar auch kein objektives Bild entwerfen, seien aber die verläßlichsten Konstrukteure der sozialen Wirklichkeit. Daher, so Barker, seien sie am besten gewappnet, um im Konflikt um die Neuen Religionen als Vermittler aufzutreten. Auch wenn Barkers Referat streckenweise an eine soziologische Einführungsvorlesung erinnerte und somit manchmal etwas an der Oberfläche verharrte: insgesamt bot der Tagungsauftakt eine anregende und vielseitige Erörterung des Konferenzthemas und machte die Zuhörer neugierig auf den weiteren Verlauf.

Die Situation in Europa

Der zweite Konferenztag stand zunächst im Zeichen des internationalen Vergleichs. Die Tagung hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Auseinandersetzung mit den Neuen Religionen in der Bundesrepublik im Vergleich mit anderen Ländern zu erkunden. Referiert wurde die Situation in Deutschland, Dänemark und Rußland. Der Mainzer Religionswissenschaftler Joachim Süss ging in seinem Referat von der Feststellung aus, daß in Deutschland die religionswissenschaftliche Erforschung Neuer Religionen vergleichsweise rückständig sei. Während Günter Kehrer diese Beobachtung am Vorabend vor allem auf die inhaltlichen und methodischen Dispositionen innerhalb der Religionswissenschaft zurückgeführt hatte, wandte sich Süss mehr den externen Bedingungen zu. Es sei, so Süss, erstaunlich, daß hierzulande die Neuen Religionen nur ausnahmsweise das Interesse der Religionswissenschaft gefunden hätten. Dies, so Süss, sei das Ergebnis einer öffentlichen Diskussion, in welcher machtvolle religiöse Interessen die gesellschaftliche Wahrnehmung dominierten. Süss verwies auf das Informations- und Deutungsmonopol der Kirchen, das von den Medien und der Politik bereitwillig akzeptiert werde. Neue Religionen würden im öffentlichen Diskurs als »Sekten« stigmatisiert, eine Bezeichnung, die Süss als »ganz und gar untauglich« zurückwies. Schon diese Diffamierung erschwere die wissenschaftliche Beschäftigung mit Neuen Religionen. Wie Rothstein, Religionswissenschaftler an der Universität Kopenhagen und M. Shterin aus Moskau im Anschluß berichteten, sei der Einfluß kirchlicher Kritiker in Dänemark und Rußland ebenfalls außerordentlich. Aus den Referaten ergaben sich weitere Parallelen zwischen den drei Ländern. Wie in Deutschland, so bestehe auch in Dänemark und in Rußland ein quantitatives Mißverhältnis zwischen der öffentlichen Thematisierung des Streitfalls Neue Religionen einerseits und der tatsächlichen Präsenz der mutmaßlich konfliktträchtigen Religionsgruppen andererseits. In Dänemark, so berichtete Rothstein, gebe es derzeit 2000 Personen, die man seriöserweise als Mitglieder Neuer Religionen zählen könne. Dem stünden 3000 Mitglieder des »Dialog Center«, einer dänischen Antikultgruppe gegenüber. Auch die internationale Vernetzung der organisierten Sektenkritik wurde von den Referenten erörtert. So wies Rothstein auf den prägenden Einfluß Ursula Cabertas vom Hamburger Arbeitskreis Scientology auf die dänische Diskussion hin, während Shterin berichtete, wie Thomas Gandow seinen russischen Kollegen bei der Bekämpfung Neuer Religionen tatkräftig unterstütze. Überhaupt, so Shterin, folge die apologetische Auseinandersetzung mit Neuen Religionen in Rußland aus dem Westen importierten Vorbildern.

Populäre Mythen

Der Nachmittag stand zunächst im Zeichen der Psychologie. Der Mainzer Religionswissenschaftler und Psychologe Sebastian Murken beleuchtete den Streitfall Neue Religionen aus der Sicht der klinischen Psychologie. Jeder Rollenwechsel, so Murken, berge psychische und soziale Risiken in sich. Das gelte für den Schulabschluß, die Heirat, die Scheidung und den Berufswechsel ebenso wie für den Ein- oder Austritt aus einer Religionsgemeinschaft. Eine Scheidung, so Murken, sei in Deutschland ein alltäglicher Vorgang. In den meisten Fällen führe ein solcher Einschnitt zu vorübergehenden problematischen Innenlagen, nicht selten zu Depressionen. Das größte Risiko für eine Scheidung, so Murken weiter, gehe derjenige ein, der heirate. Niemand jedoch würde aufgrund dieser Argumentation das Heiraten als gefährlich bezeichnen oder gar verbieten wollen. Die Kritik an den Neuen Religionen folge jedoch genau dieser Logik. Murken offerierte eine etwas abgeklärtere Sicht auf das Problem der Mitgliedschaft. Auf der Grundlage empirischer Studien entkräftete er einige der Vorwürfe, die in der Diskussion um die Neuen Religionen immer wieder erhoben werden. Der Eintritt in eine Neue Religion sei ein aktiver Vorgang, den der Konvertit maßgeblich mitgestalte. Weder würden die Mitglieder gegen ihren Willen »angeworben«, noch sei jeder Mensch für die jeweiligen religiösen Angebote empfänglich. Auch der Ausstieg sei in der Regel ohne fremde Hilfe möglich. Die Loslösung von einer Neuen Religion werde aber, so Murken weiter, oft als krisenhaft empfunden. Das sei weniger auf die Struktur der jeweiligen Gruppe als vielmehr auf die psychische Verfaßtheit der Menschen zurückzuführen, welche von der emotionalen Verarbeitung eines solchen Rollenwechsels beeinflußt werde. Insgesamt plädierte Murken für eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Thema. Aus klinischer Sicht seien die Neuen Religionen hinsichtlich ihrer möglichen Auswirkungen auf die Psyche der Menschen äußerst unterschiedlich zu bewerten. Eine grundsätzliche Gefährdung sei nicht zu belegen. Keine Gemeinschaft sei für jeden gefährlich oder grundsätzlich harmlos: das gelte für die Neuen Religionen genauso wie für die großen Kirchen. Im Anschluß an Murken machten sich mit Newton Malony und Massimo Introvigne zwei weitere Referenten daran, populäre Mythen aus der apologetischen Literatur zu entlarven. Malony, Psychologe am Fuller Theological Seminary in Pasadena, widmete sich in seinem Vortrag dem Thema Bewußtseinskontrolle. Das Wort Bewußtseinskontrolle bezeichne einen Zustand, in dem ein Mensch dauerhaft und gegen seinen eigentlichen Willen zur Übernahme bestimmter Auffassungen oder Verhaltensweisen gezwungen werde. Zwar gebe es viele Belege dafür, daß Menschen sich in Zwangssituationen verstellten. Mit Bewußtseinskontrolle aber habe das nichts zu tun. Die Psychologie kenne kein Individuum, das ohne eigenes Zutun von außen gesteuert würde. Die Änderung von Einstellungen einschließlich der Veränderung des Bildes, das ein Mensch von sich selbst entwerfe, sei ein Prozeß, den das Individuum in Auseinandersetzung mit seiner sozialen Umwelt aktiv gestalte. Um es kurz zu machen: »There is no such thing as mind control.« Im Anschluß referierte Massimo Introvigne vom Center for the Studies on New Religions in Turin über den nicht weniger schillernden Begriff »Gehirnwäsche«. In den USA gelte die Theorie der Gehirnwäsche unter Psychologen seit langem als widerlegt. Gerichtsprozesse, in denen den Angeklagten derartige Praktiken vorgeworfen worden seien, seien deshalb in den USA nicht mehr zu gewinnen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich diese Erkenntnisse auch in Europa herumgesprochen hätten.

Streitfall Scientology

Das letzte Referat an diesem Tag war Gordon Melton vorbehalten. Der Leiter des Institute for the Study of American Religion in Santa Barbara hatte sich bereit erklärt, die Eindrücke zu schildern, welche die in Deutschland die Gemüter bewegende Scientology Diskussion bei ihm hinterlasse. Melton referierte ausführlich über die Geschichte und Lehre der Scientology Church. Dabei machte er keinen Hehl aus seiner persönlichen Einschätzung, daß es sich bei Scientology um eine Religion handle. Das eigentliche Thema, nämlich eine Interpretation der Kontroverse in Deutschland aus amerikanischer Sicht, streifte Melton am Ende nur kurz. Das Referat erregte bei einigen der Zuhörer Unmut. Melton hatte mit seinem länger als geplant ausgefallenen Vortrag das Thema deutlich verfehlt und obendrein mit seinem konsequent deskriptiven Zugang einige der an einer kritischen Auseinandersetzung mit Scientology interessierten Zuhörer verärgert. Dem Referenten wurde vorgeworfen, ein falsches, weil geschöntes Bild gezeichnet zu haben. Trotz alledem verriet der Vortrag zwischen den Zeilen etwas von dem, was Melton explizit zu referieren versäumt hatte, warf er doch ein Licht auf die aus amerikanischer Sicht relativ verkrampfte akademische Auseinandersetzung hierzulande. Melton offerierte dem Publikum eine faktenreiche Beschreibung eines fremdartigen Glaubenssystems und bot somit einen interessanten Einblick in seine alltägliche Arbeit, die ja eigentlich auch die tägliche Arbeit eines in Deutschland mit den Neuen Religionen befaßten Religionswissenschaftlers sein könnte. Denn vor der Analyse und vor der Kritik steht auch bei den Neuen Religionen die Bestandsaufnahme. Daß in Deutschland ein Referat über eine umstrittene Religion ohne explizite Distanzierung seitens des Referenten sogleich als Parteinahme aufgefaßt wird, zeigt, wie groß hierzulande die Berührungsängste beim Thema Neue Religionen nach wie vor sind.

Vorbild USA?

Das Referat von Melton hatte allen deutlich vor Augen geführt, daß die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland nach wie vor beträchtlich sind. James T. Richardson von der University of Nevada in Reno, der den letzten Tag der Konferenz mit einem Vortrag über die rechtliche Situation in den USA eröffnete, knüpfte an diese Beobachtung an. Das Referat des Soziologen und Juristen geriet zu einem enthusiastischen Plädoyer für Toleranz und Pluralismus. Die USA, immerhin der erste moderne Staat, der die Trennung von Staat und Kirche in seiner Verfassung festgeschrieben habe, habe damit gute Erfahrungen gemacht. Das heiße nicht, daß es in den USA keine Probleme mit religiösen Minderheiten gebe: »Not everything is fine!« Richardson zitierte zahlreiche juristische Auseinandersetzungen mit Zeugen Jehovas oder Christlichen Wissenschaftlern. Das Prinzip der Religionsfreiheit sei kein Garant für ein konfliktfreies Zusammenleben. Das habe auch die Tragödie von Waco im Jahr 1993 gezeigt. Andererseits könne nur eine tolerante Gesellschaft aus ihren Fehlern lernen. Die öffentliche, auch von Religionswissenschaftlern vorgetragene Kritik am Vorgehen der Polizei in Waco habe dazu geführt, daß vergleichbare Konflikte später besser gelöst worden seien: die Auseinandersetzung mit den Freemen in Montana 1996 hätte nicht zur Katastrophe geführt, weil die Einsatzkräfte – anders als in Waco – das religiöse Anliegen der Belagerten ernst genommen hätten. Religionsfreiheit, so Richardson zusammenfassend, sei ein unbequemes, aber wichtiges Grundrecht, das allen zivilisierten Staaten, insbesondere solchen, die sich als Wegbereiter des 21. Jahrhunderts verstünden, gut anstehe.

Ärgernis Häresie

Im Anschluß an das mit viel Beifall bedachte Referat Richardsons hielt Hubert Seiwert, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Leipzig den Abschlußvortrag. Seiwert setzte sich mit der Frage auseinander, wie die Reaktion der deutschen Gesellschaft auf die Neuen Religionen zu erklären sei. In der Sektendiskussion, so Seiwert, spielten nicht so sehr rationale Erwägungen als vielmehr irrationale Ängste eine Rolle. Seiwert vertrat die These, daß sich die Ablehnung der Bevölkerung gegen den devianten Glauben richte, obwohl in den Verlautbarungen immer auf die devianten Praktiken verwiesen werde. Nicht das abweichende Verhalten an sich, sondern die religiöse Begründung desselben errege den massiven Widerspruch der Gesellschaft. Die Gesellschaft, so Seiwert, glaube, daß alles, was »normal« sei auch »richtig« sei. Die Anhänger der sogenannten Sekten glaubten das nicht. Sie stellten damit grundlegende, oft unausgesprochene normative Annahmen in Frage, zum Beispiel, daß Fortschritt etwas Gutes sei oder Karriere etwas Wichtiges. Diese Infragestellung führe allen die Anfechtbarkeit des scheinbar Selbstverständlichen vor Augen und untergrabe die Plausiblität der sozialen Ordnung insgesamt. Hier führte Seiwert den Begriff »Häresie« ein. Eine Häresie sei eine grundsätzliche Hinterfragung des Bestehenden. Während die »profane Devianz«, das abweichende Verhalten, das in der schlichten Übertretung einer Norm bestehe, die Geltung derselben nicht unbedingt tangiere, bedrohe die »religiöse Devianz« des Häretikers die normative Ordnung der Gesellschaft, weil sie die Geltung anderer Normen behaupte. Der Häretiker verletze nicht nur Regeln, er halte die Regeln selbst für falsch und befolge andere. Eine Gesellschaft, so Seiwert, könne nicht anders als mit Sanktionen auf die häretische Herausforderung reagieren. Andernfalls riskiere sie die Erosion ihrer normativen Grundlagen. Die frustrierende Erfahrung, welche jedes Gemeinwesen aber unweigerlich mache, bestehe darin, daß sich Häresien, da es sich um abweichenden Glauben handle, nicht wirkungsvoll bekämpfen ließen, jedenfalls dann nicht, wenn es die Prinzipien eines aufgeklärten Rechtsstaats wahren wolle. Das, so Seiwert, erkläre die Irrationalität des Streitfalls Neue Religionen: die Ängste vieler Menschen seien real – die subjektive Verunsicherung durch das Auftreten von Häretikern sei nicht vorgeschoben. Sie spürten, daß sie die häretische Infragestellung ihres »Glaubens« nicht dulden könnten, und ahnten doch gleichzeitig, daß sie die Häresien niemals loswürden.

Fazit

Mit diesen mit viel Beifall bedachten Überlegungen Hubert Seiwerts ging die dreitägige Veranstaltung zuende. Der Konferenzbericht, den der Hessische Rundfunk am nächsten Tag ausstrahlte, zeichnete das Bild einer gelungenen Veranstaltung. Die in der Reportage gesendeten Intervies mit Teilnehmern aus dem Publikum waren voll des Lobes. Der Bericht zeigte ebenfalls, daß die Absage der Kirchenvertreter auch beim Publikum auf Unverständnis gestoßen war. Die Konferenz wäre natürlich anders verlaufen, wenn die kirchlichen Referenten zu ihrer Teilnahmezusage gestanden hätten. Das Spektrum der Positionen wäre breiter gewesen, die Diskussionen mitunter noch kontroverser verlaufen. Die Qualität der Tagung aber hat unter der Absage nicht gelitten. Das im Ankündigungstext formulierte Ziel bestand darin, zum Streitfall Neue Religionen »religionswissenschaftliche Perspektiven im internationalen Vergleich« zu erörtern. Dieses Ziel wurde erreicht. Wollte man das Ergebnis der Tagung in wenigen Sätzen zusammenfassen, müßte man zwei Forderungen zitieren, welche fast alle Referenten erhoben haben: Eine richtet sich an die Politiker und Journalisten, denen etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit Neuen Religionen empfohlen wurde. Und die zweite richtet sich an die Wissenschaftler aus den relevanten Disziplinen, die ermutigt wurden, sich in der empirischen Forschung verstärkt den aufgezeigten Desideraten zu widmen. Der Verein REMID, der mit dieser Konferenz erfolgreich an die Tradition des 1995 durchgeführten Symposions »Kritik an Religionen« anknüpfen konnte, hat einmal mehr – diesmal in einem internationalen Rahmen – seine wissenschaftliche Seriosität und Professionalität unter Beweis gestellt.

Thomas Hase (Leipzig)

(Erschienen SPIRITA, 12. Jg. 1998, Heft 1, S. 26-30)

 

3 Comments:

  1. Rolf Schneider

    Nicht zur Sprache kam – soweit ich dies hier überblicke- die religiöse Sonderstellung Deutschlands was das Verhältnis Staat-Kirche angeht. Die von Seiwert beschriebene Bedrohung der „normalen“ Alltagsrealität durch Häretiker erscheint jedenfalls dann in einer neuen Perspektive, wenn man die fast vollständige Unterwanderung des Arbeitsmarktes durch die Kirchen, Aushebelung von Arbeitnehmerrechten, Regulierung auch des Privatbereichs, Scheidungsverbot, erzwungener Kirchgang usw. betrachtet. Diese „Normalität“ ist ein von den über grenzenlose finanzielle Möglichkeiten verfügenden Kirchen erzwungenes Dorado der Staatsreligion Christentum, wobei die Zerklüftung der evangelischen Seite gar nicht wahrgenommen wird. Wer etwa die 30 km -Distanz von Düsseldorf nach Wuppertal zurücklegt, landet in einer anderen Welt, die getrennte Friedhöfe für Calvinisten und Lutheraner bereithält. Sektiererisch ist also eher die staatlich verordnete Realität, die von den Theologen geschickt vernebelt wird, indem man Begriffe wie res mixta, Selbstregulierung der Kirchen et cetera ins Feld führt.

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