Pressemitteilung: Dem islamischen Religionsunterricht eine Chance geben

Presseerklärung vom 31. August 2001

Solange der konfessionelle Religionsunterricht durch das Grundgesetz in den staatlichen Schulen als Pflichtfach verankert ist, bleibt es ein Gebot der Gleichstellung, dass auch nichtchristliche Religionsgemeinschaften einen eigenen Religionsunterricht anbieten.

In diesem Sinne begrüßt der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e. V. REMID, dass die Hessische Landesregierung die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts voran bringen will. Dass der Islamischen Föderation in Berlin nun gestattet wurde, in eigener Verantwortung einen schulischen Unterricht anzubieten, ist auch in diesem Bundesland, wo es keinen verpflichtenden Religionsunterricht gibt, die logische Konsequenz der Gleichbehandlung von Religionen.

Trotzdem ist die Kritik am islamischen Religionsunterricht, insbesondere wenn sie von muslimischer Seite geäußert wird, ernst zu nehmen. Sie zeigt, dass der Islam in Deutschland keine einheitliche Religion ist. Wie im Christentum gibt es auch im Islam unterschiedliche Lehrmeinungen und Positionen zu zentralen Fragen wie der Stellung des Islam im Staat oder dem Umgang mit abweichenden Traditionen. Aus diesem Grund können sich manche dem Islam entstammenden Gemeinschaften wie die Ahmadiyya-Muslim-Jamaat oder die Aleviten durch die bestehenden islamischen Dachverbände nicht repräsentiert sehen.

Die Politik hat sich lange Zeit gescheut, das Thema aufzugreifen und im konstruktiven Dialog mit den islamischen Verbänden Lösungen für aufgetretene Fragen zu finden. Alle Verantwortlichen, sei es von staatlicher oder von muslimischer Seite, müssen dafür Sorge tragen, dass der geplante Religionsunterricht eine größtmögliche Offenheit für alle islamischen Strömungen bietet. Darüber hinaus ist eine wissenschaftlich-theologische Ausbildung der künftigen islamischen Relgionslehrerinnen und Religionslehrer anzustreben. Bei aller berechtigten Kritik jedoch muss dem islamischen Religionsunterricht endlich eine Chance gegeben werden.

Darüber hinaus tritt REMID dafür ein, die religionskundlichen Anteile im Ersatzfach „Ethik“ zu erhöhen. Religiöse Deutungsmuster und Lebensentwürfe spielen auch in der modernen Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Religionswissenschaft hat die verschiedenen Konzepte religiöser Lebensgestaltung gerade in ihrer alltagspraktischen Bedeutung immer wieder herausgearbeitet. Die Kenntnis fremder Religionen, angeeignet in der kritischen Konfrontation mit den Wahrheitsansprüchen der verschiedenen religiösen Traditionen sowie den säkularen Weltbildern und ihren Werten, bewahrt vor vorschnellen Urteilen und fördert die Toleranzfähigkeit der Gesellschaft. Sie unterstützt zugleich die Kompetenz junger Menschen für eigene Lebensentscheidungen.

REMID ist ein bundesweit organisierter Verein mit zurzeit ca. 160 Mitgliedern. REMID will durch Öffentlichkeitsarbeit, Projekte und Informationen die religionswissenschaftliche Perspektive in öffentlichen Diskussionen über Religionen und religiöse Bewegungen einbringen. Damit versucht der Verein, einen Beitrag zur friedlichen und toleranten Entwicklung der Gesellschaft zu leisten.

Marburg, 31. August 2001

Für den Vorstand:
Steffen Rink, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Geschäftsstelle

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