Pressemitteilung: Toleranz statt Abgrenzung.

 

Der Ruf des Muezzin kann ein Beitrag zur Integration der Muslime sein
Presseerklärung vom 10. März 1997

Die Frage, ob in Moscheen ein Muezzin hörbar zum Gebet rufen darf, spaltet die bürgerlichen Gemeinden. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e. V. REMID (Marburg) ruft zu mehr Sachlichkeit und Toleranz im Umgang der Konfliktparteien miteinander auf.

Für REMID sprechen folgende Gründe für den Ruf des Muezzin:

1. Vor der deutschen Verfassung sind alle Religionen gleich zu behandeln. Der Ruf des Muezzin ist Teil der Religionsausübung unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

2. Der Ruf des Muezzin dokumentiert keinen „Allmachtanspruch“ des Islam. Der Muezzin ruft zum Gebet. Das Gebet gehört zu den „fünf Säulen“ des Islam und ist deshalb für die Muslime Bestandteil ihrer Religionsausübung.

3. Die Ablehnung des Ansinnens führt zu Konfrontationen an anderer Stelle. Die in Deutschland lebenden Muslime müssen sich unerwünscht fühlen. Dies fördert die Ausgrenzung und Gettobildung und verhindert die Integration.

4. Die vorgetragenen rechtlichen Argumente gegen den Muezzinruf (Lärmschutzrichtlinien, Straßenverkehrsordnung etc.) sind vordergründig. Wer auf diese Weise argumentiert, wird erleben, wie die Gründe gegen den „Lärm“ oder die „Sicherheitsgefährdung“ durch den Ruf des Muezzin langfristig auch gegen das Läuten der Kirchenglocken verwendet werden.

5. Unsere freiheitliche Gesellschaft muß Toleranz vorleben. Gerade weil in muslimischen Ländern andere Religionen behindert oder unterdrückt werden, dürfen wir nicht in gleicher Weise reagieren. Vielmehr sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um deutlich zu machen, daß Toleranz und religiöse Vielfalt ausgehalten und gelebt werden können.

Nur wer in der Lage ist, Aufgeschlossenheit gegenüber anderen glaubhaft zu machen, kann auch Verständnis für die eigene Situation wecken. Er kann den Dialog führen und gestalten. Er kann den Kompromiß suchen. Er kann erklären, daß auch die Muslime in Deutschland aufgeschlossen gegenüber den Sorgen, Anliegen und Traditionen der christlichen Bevölkerung sein müssen. Verständigung und Miteinander können nur erreicht werden, wenn beide Seiten aufeinander zugehen.

Toleranz ist mehr als die großzügige Gewährung von Rechten. Gelebte Toleranz zeigt sich im Willen zum Miteinander.

REMID ruft im Streit um den Ruf des Muezzin alle Beteiligten auf, einen für alle tragbaren Kompromiß zu suchen, beispielsweise durch die Beschränkung des Muezzinrufes auf das gemeinschaftliche Gebet am Freitag und in der Festlegung der Lautsprecherstärken.

Der Islam hat viele Schattierungen. Eine pauschale Verurteilung „des Islam“ als gewalttätig und intolerant ist unredlich. Gerade die Auseinandersetzung um den Ruf des Muezzin zeigt Intoleranz auf beiden Seiten. Zur Weiterentwicklung unserer freiheitlichen Gesellschaft sind alle aufgerufen, die toleranten, friedliebenden und dialogbereiten Kräfte in den Religionen zu fördern.

Marburg, 10.03.97

gez.: Steffen Rink (Vorsitzender)

Gritt M. Klinkhammer (Vorsitzende)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.